Team FKIE stellt sich vor

30 Jahre Wissenschaft am Forschungsstandort Wachtberg

Herr Biermann, 2018 feiern Sie ein großes Dienstjubiläum: 30 Jahre am Institutsstandort Wachtberg – seit 2009 unter dem Dach der Fraunhofer-Gesellschaft. Was gefällt Ihnen an Ihrer Arbeit?

JB: Schon 1988, bei meiner Bewerbung beim Vorgängerinstitut des heutigen FKIE, hatte ich die Überzeugung, dass ich mit meiner wissenschaftlichen Arbeit dazu beitragen wollte, für unsere Sicherheit zu sorgen. Damals bezog sich dieser Gedanke ausschließlich auf militärische Aspekte, aber ich kann sagen, dass ich bis heute die Möglichkeit hatte, an Aufgaben zu arbeiten, die dieser grundlegenden Motivation entsprochen haben.

 

Wie haben sich Ihre Themen und Aufgaben in dieser Zeit gewandelt?

JB: Der Übergang von der FGAN zu einem Institut der Fraunhofer-Gesellschaft war Teil einer Veränderung der Wissenschaftslandschaft in der Bundesrepublik, im Zuge derer mehrere grundfinanzierte Forschungseinrichtungen in andere wissenschaftliche Organisationen eingegliedert wurden. Für die Institute der FGAN ging mit der Aufnahme in die Fraunhofer ein Wandel in den Aufgabenstellungen und damit auch in der Arbeitskultur einher.

Das bedeutete konkret, dass die zu Zeiten der FGAN auferlegte Beschränkung auf vorwiegend langfristig angelegte Forschungstätigkeit für die Bundeswehr ergänzt wurde um Aufgaben, die auf eine zeitnahe Umsetzung und Anwendung abzielten.  Die Auseinandersetzung mit konkreteren Problemstellungen auch der zivilen Welt war neu, wirkte sich auch befruchtend auf die wissenschaftliche Arbeit aus. Auch heute befassen wir uns vorrangig damit, die Bundeswehr zu beraten und mit unseren wissenschaftlichen Untersuchungen zu unterstützen. Zudem haben wir nun die Möglichkeit, unsere Methoden und Erkenntnisse gleichermaßen in beiden Bereichen – Defence & Security – anzuwenden. Eindeutig ein Vorteil, nicht nur für uns, sondern auch für die Gesellschaft!

 

Bewerten Sie den Übergang von FGAN zu Fraunhofer FKIE also positiv?

JB: Letztlich schon, obwohl man sagen muss, dass die Umstellung eine wirkliche Herausforderung gerade für die langjährigen Mitarbeiter war. Diesen fiel u.a. die Aufgabe der Projektakquise zu, bei der sie im zivilen Bereich auf keine Erfahrung zurückgreifen konnten. Trotzdem gelang es, entsprechende Aufträge einzuwerben, die uns dann auch eine projektorientierte Arbeitsweise abverlangte, die wir uns in Bezug auf echte Industrieprojekte erst aneignen mussten.

Die Bearbeitung konkreter, anwendungsorientierter Aufgaben, deren Vielfältigkeit herauszuheben ist, wirkte sich durchaus positiv auf die wissenschaftliche Arbeit aus. Zudem zeigte sich, dass sich die Expertise der älteren Mitarbeiter gut mit der Energie und Neugier der jungen Kollegen ergänzte, die wir auf einmal in zunehmender Anzahl im Institut hatten und die viele Anregungen aus ihrem oft gerade erst beendeten Studium mit sich brachten. Es war für mich und viele andere ältere Mitarbeiter eine positive neue Erfahrung, im Team mit jüngeren Kollegen zu arbeiten und ihren Einstieg in wissenschaftliches Arbeiten zu unterstützen.

 

Eine berufliche Station bei Fraunhofer ist nachweislich eine tolle Referenz im Lebenslauf und spiegelt das Fraunhofer-Prinzip des »Durchlauferhitzers« wider, junge, überdurchschnittlich talentierte Wissenschaftler von den Universitäten zu rekrutieren, diese an spannenden, zukunftsrelevanten Themen forschen und wissenschaftlich wachsen zu lassen und dann für Karrieren in die freie Wirtschaft zu entlassen. Sie beweisen mit Ihrer Laufbahn, dass Fraunhofer nicht nur eine Station sein muss…

JB: Das ist richtig, beim FKIE können Wissenschaftler sehr gut über eine lange Zeit arbeiten – auch mit der Garantie, immer wieder abwechslungsreiche, neue Aufgaben zu erhalten, die bei der eigenen Einstellung noch gar nicht absehbar waren.

Aus der Perspektive des Forschungsgruppen- und stellvertretenden Abteilungsleiters, die ich seit nunmehr 15 Jahren in der Abteilung »Sensordaten- und Informationsfusion« habe, betrachte ich das Prinzip des »Durchlauferhitzers« aber auch kritisch. Als wissenschaftliche Abteilung können wir nicht nur in kurzfristigen Projekten denken und arbeiten. Wir müssen unsere wissenschaftliche Kompetenz, ohne die wir unseren Auftrag gegenüber der Bundeswehr und auch das zivile Geschäft nicht erfüllen können, durch die Bearbeitung langfristig angelegter wissenschaftlicher Themen erhalten und erweitern.

Neue Mitarbeiter, die von den Universitäten zu uns kommen, brauchen sicher ein bis zwei Jahre, um sich einzuarbeiten. Danach können sie produktiv eingesetzt werden und vielleicht promovieren sie auch noch, was wir sehr unterstützen. Es  schmerzt dann schon, wenn sie uns nach fünf oder sechs Jahren wieder verlassen. Insbesondere, wenn sie in einem Fachgebiet eingesetzt worden sind, das man gerade erst aufgebaut hat.

 

Sie sind Mathematiker. Sind Mathematiker bei Fraunhofer FKIE richtig aufgehoben? Womit befassen Sie sich in der Abteilung »Sensordaten- und Informationsfusion« schwerpunktmäßig?

JB: Als Mathematiker kann man in fast allen naturwissenschaftlichen Bereichen arbeiten, natürlich auch in einem IT-orientierten Forschungsinstitut mit einem starken Fokus auf Fragen der Modellierung und der Automation technisch-physikalischer Vorgänge und Systeme oder der Auswertung komplexer Informationszusammenhänge. Das FKIE bietet mit seinem breiten Themenspektrum viele interessante Stellen für Mathematiker.

Ich habe mich bei meiner Arbeit schwerpunktmäßig mit dem Thema der wissensbasierten Fusion von Informationen befasst. Meine Einstellung erfolgte auf eine Ausschreibung zur »Untersuchung zu Einsatzmöglichkeiten von Expertensystemen«, was damals ein aktueller Bereich der »Künstlichen Intelligenz« war. In meiner beruflichen Laufbahn habe ich drei KI-Hypes miterlebt, aktuell wird das sogenannte Deep Learning für einen Teil der Aufgabenstellungen favorisiert. Für manche früheren Probleme der KI konnten Lösungen gefunden werden, aber viele Kernfragen sind noch dieselben und immer noch offen. Es gibt noch genug zu tun.

 

Was würden Sie sagen, war das schönste, spannendste oder erinnerungswürdigste Ereignis in Ihrer Zeit beim FKIE?

JB: Besonders spannend und ein wesentlicher Teil meiner Arbeit waren und sind die zahlreichen Aktivitäten im Rahmen von Arbeitsgruppen der Science & Technology Organization (STO) der NATO, das heißt, die internationale Kooperation in gemeinsamen Projekten mit wissenschaftlichen Forschungseinrichtungen anderer NATO-Länder. Sie haben mein Arbeitsleben in fachlicher und persönlicher Weise besonders geprägt und bereichert. Sie sind auch einer der Gründe, warum ich meine Zeit bei Fraunhofer FKIE vor der Pensionierung noch um ein Jahr verlängere, da ich einige dieser NATO-Projekte noch zum Abschluss bringen möchte. Das ist mir ein wichtiges Anliegen.