Experten-Interview

Kritische Infrastrukturen werden oft als »die Lebensadern unserer Gesellschaft« bezeichnet. Mit zunehmender digitaler Vernetzung steigt jedoch auch hier das Gefährdungspotenzial durch unterschiedliche kriminelle Bedrohungen. Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) hat die Aufgabe, den Schutz Kritischer Infrastrukturen zu koordinieren und hierbei ganzheitliche Schutzkonzepte zu etablieren.

Welche Bereiche zählen Sie zu den Kritischen Infrastrukturen?

Peter Lauwe: Definition und Sektoren sind in einer Nationalen Strategie zum Schutz Kritischer Infrastrukturen aufgeführt. Zu den Kritischen Infrastrukturen zählen beispielsweise die Energieversorgung, die Informations- und Kommunikationstechnik oder der Bereich Parlament, Regierung, öffentliche Verwaltung und Justizeinrichtungen. Daran kann man erkennen, dass sowohl Unternehmen als auch Behörden Kritische Infrastrukturen betreiben.

 

Welche davon sind besonders sensibel?

Peter Lauwe: Sehr hohe Abhängigkeiten bestehen von der Stromversorgung, von der Informations- und Kommunikationstechnik (IKT) und unmittelbar oder mittelbar von Transportleistungen. Diese drei Bereiche übernehmen damit in hohem Maße eine querschnittliche Funktion für alle Kritischen Infrastrukturen.

 

Wo sehen Sie den größten Handlungsbedarf, um Kritische Infrastrukturen vor Angriffen von außen zu schützen?

Peter Lauwe: Betreiber Kritischer Infrastrukturen sind in vielen Bereichen
sensibilisiert und setzen viele Maßnahmen zur Sicherung ihrer Dienstleistungen um. Allerdings gibt es aus unserer Sicht auch noch viel Handlungsbedarf, da sich sowohl die Kritischen Infrastrukturen als auch die Risiken stetig verändern.

So sehen wir zum Beispiel großen Handlungsbedarf in der zunehmenden Systematisierung der Zusammenarbeit von staatlichen Akteuren und Betreibern Kritischer Infrastrukturen im Risikomanagement (Integriertes Risikomanagement).

Von großer Bedeutung ist ebenso die Kommunikation zwischen staatlichen und nichtstaatlichen Akteuren im Krisenfall. Fallen Kommunikationsmöglichkeiten wie Telefon oder Internet aus, muss auf Notsysteme zurückgegriffen werden. Diese bieten derzeit nur bedingt die Voraussetzungen für eine ausreichende Kommunikation. Es besteht ein Bedarf an ergänzenden Lösungen, um den Austausch zu gewährleisten.

Vor dem Hintergrund einer steigenden Komplexität in Kritischen Infrastrukturen müssen zudem in stärkerem Maße einfache Rückfallebenen geschaffen werden. Auf sie kann zurückgegriffen werden, wenn Kritische Infrastrukturen in ihrer Funktionsfähigkeit erheblich beeinträchtigt sind.

Und als letztes Beispiel möchte ich den spezifischen Bereich der Notfallplanung nennen. Vor dem Hintergrund möglicher langanhaltender und großräumiger Schadensszenarien wurden von Kommunen sowie von Länder- und Bundesseite in den letzten Jahren Maßnahmen angestoßen. Mögliche massive Stromausfälle wurden beispielsweise intensiv betrachtet. In Teilbereichen besteht noch Klärungs- und Handlungsbedarf. Beispielsweise bei der Verteilung wichtiger Güter wie Treibstoff oder Medikamente bei großen Schadenslagen.

 

Wie können Akteure im Risikomanagement besser zusammenarbeiten?

Peter Lauwe: Akteure können Erkenntnisse und Ergebnisse aus ihrem jeweiligen Risikomanagement verstärkt austauschen. In einem Projekt, das wir begleiten durften, hat ein Betreiber Kritischer Infrastrukturen die Gebiete in einem Kreis gekennzeichnet, in denen bei Stromausfall seine Dienstleistung nicht mehr zur Verfügung steht. Für die Feuerwehren in diesem Kreis waren dies wertvolle Informationen für die Notfallplanung.

 

Welche Entwicklungen werden für die Zukunft angestrebt? Und wo sehen Sie hierbei künftige Unterstützungsmöglichkeiten durch Forschungsinstitute wie zum Beispiel das Fraunhofer FKIE?

Peter Lauwe: Die Komplexität der einzelnen Infrastrukturen und die Komplexität des Zusammenwirkens von Infrastrukturen werden stetig steigen. Auch die Risiken verändern sich und nehmen teilweise zu. Wir müssen lernen, mit den Veränderungen umgehen zu können, um auch zukünftig den Schutz Kritischer Infrastrukturen zu gewährleisten.

Dabei sind aus meiner Sicht zwei Entwicklungen wichtig: Zum einen sollten wir trotz oder wegen der Komplexität die Ausfallsicherheit der Systeme weiter ausbauen und dabei den Aspekt der Resilienz der Systeme von der Planungsphase an umfänglich mitdenken.

Zum anderen benötigen wir einfache Rückfallebenen in den Kritischen Infrastrukturen, die im Fall schwerwiegender Störungen eine Aufrechterhaltung der Versorgung der Bevölkerung in Teilen ermöglicht.

Es gibt sicherlich einen hohen Bedarf an Unterstützung bei allen Akteuren. Viele Fragen können auch nur mit wissenschaftlicher Unterstützung geklärt werden. Auch an dieser Stelle kann ich nur einige Fragen beispielhaft nennen, die für uns noch nicht ausreichend geklärt sind:

  • Wie verändern sich Kritische Infrastrukturen in Zukunft?
  • Welche Rolle spielt bei dieser Entwicklung Künstliche Intelligenz?
  • Was bedeuten diese Veränderungen für die Versorgungssicherheit?
  • Wie können Prognosefähigkeiten bezüglich potenzieller Auswirkungen in der Praxis verbessert werden?
  • Welche zunehmende Rolle spielt die Datennutzung beim Schutz Kritischer Infrastrukturen?
  • Wie müssen/sollten rechtliche Grundlagen weiterentwickelt werden?
  • Wie müssen/sollten Standards weiterentwickelt werden?

 

Dies ist eine gekürzte Fassung des Interviews. Das vollständige Gespräch mit Peter Lauwe finden Sie im FKIE-Jahresbericht 2019/20 ab Seite 24.