Software Defined Rapid Prototyping als Entwicklungsansatz
Die Entwicklung der militärischen Zeitgeber am Fraunhofer FKIE folgt einem iterativen Software-Defined-Rapid-Prototyping‑Ansatz (SDRP). Ziel ist eine software‑defined, modulare Zeitgeberplattform, die sich für unterschiedliche Kommunikationssysteme, Domänen und Einsatzszenarien adaptieren lässt. Hardware und Software sind konsequent entkoppelt, sodass neue GNSS‑Empfänger, Oszillatoren, Schnittstellen oder Zeitstempelformate mit überschaubarem Aufwand integriert und erprobt werden können.
Modulare Hardwarebasis und Grundfunktionalitäten
Die Hardwarebasis bildet ein modularer Baugruppenträger, auf dem bis zu vier Funktionsmodule über vorkonfigurierte Schnittstellen kombiniert werden. Zentrale Grundfunktionalitäten aller Generationen sind:
- GNSS‑Empfänger (GPS, Galileo, BeiDou, GLONASS) zur Gewinnung von Zeit- und Positionsinformationen
- Bildung militärischer Zeitstempel auf Basis der GNSS‑Zeit
- Real Time Clock (RTC) mit Pufferbatterie für schnelle Kaltstarts und Überbrückung von GNSS‑Ausfällen
- RS485‑Schnittstelle zur Ausgabe militärischer Zeitstempel an zeitkritische Komponenten
- Ethernet/UDP/IP zur Verteilung von Zeit- und Positionsdaten in Netzen mit geringeren Zeitgüteanforderungen
- Lokale Anzeige der Systemzeit über Display bzw. Touch‑Display
Je nach Anwendung können weitere Baugruppen wie zusätzliche Displays, Pufferbatterien, Temperatursensoren oder alternative Schnittstellen ergänzt werden. In der Software werden GNSS‑Zeitinformationen in militärische Zeitstempelformate portiert – unterstützt werden unter anderem STANAG 4246 (HQ1, HQ2, GPS‑HQ), STANAG 4372 (SATURN 1/2) und STANAG 4430 (XHQ).
Entwicklung in vier Generationen
1. Generation 19‑Zoll‑Funktionsdemonstrator für Link 22, eingesetzt auf Timber Express 2018 zur Versorgung eines verlegefähigen NNBS der Marine mit GPS‑HQ‑Zeitstempeln. Basis: GNSS‑Empfänger, RTC, RS485, Ethernet, Display.
2. Generation Fokus auf Resilienz im Hold‑Over‑Modus durch einen GNSS‑gestützten Ofen‑Quarzoszillator (OCXO). Die Zeitdrift sinkt von ~12 ppb (Gen. 1) auf etwa 0,1–2 ppb – ca. um den Faktor 10 besser als die Vorgängergeneration und erheblich besser gegenüber der Bundeswehr‑Kauflösung. Touch‑Display, alle relevanten Zeitstempelformate und konfigurierbare Zeitdriftverfahren ermöglichen zusätzlich den Einsatz als Software Defined Smart Jammer für Zeit‑Spoofing‑Untersuchungen.
3. Generation Überarbeitete Hardware zur Steigerung der Systemstabilität und Anpassung an ein Konzeptfahrzeug der Luftwaffe. Stromversorgung, Verkabelung und Steckverbinder wurden auf Kfz‑ und Avionik‑Umgebungen abgestimmt. Auf der Timber Express 2025 versorgte der Zeitgeber über drei Wochen einen Link‑22‑Testaufbau mit stabilen XHQ‑Zeitstempeln.
4. Generation Konsolidierung zur vollumfänglich software‑definierten Plattform und Miniaturisierung. Zunächst wurde ein 19‑Zoll‑Zeitgeber aufgebaut, bei dem alle militärischen Zeitstempelformate softwareseitig implementiert und über die Bedienoberfläche auswählbar sind. Ein zusätzlicher Reset-Taster ermöglicht softwaretechnische Neustarts – relevant für Tests, Fehlerszenarien und reproduzierbare Versuchsreihen. Anschließend wurde der Zeitgeber miniaturisiert, um ihn bei gleicher Funktionalität in ein Erprobungsfahrzeug zu integrieren. Die Evaluierung ist unter anderem im Rahmen der Timber Express 2026 vorgesehen.
Fazit: Von der Einzellösung zur skalierbaren Plattform
Durch SDRP und modulare Architektur ist aus einem ursprünglich Link‑22‑spezifischen Zeitgeber eine skalierbare Plattform für militärische Zeit- und Positionsversorgung entstanden – adaptierbar für weitere taktische Datenlinks, Führungs‑ und Waffeneinsatzsysteme sowie stationäre und verlegefähige Führungsstellen.