Die Suche nach der Wahrheit – To Inform is to Influence

4.11.2016

Beim 8. Bonner Dialog für Cybersicherheit, einer gemeinsam vom Fraunhofer FKIE, der Stadt Bonn, der Deutschen Telekom, der IHK Bonn/Rhein-Sieg und der Allianz für Cybersicherheit organisierten Veranstaltung, diskutieren Experten und Bonner Bürger über die »Wahrheit 4.0« und das Thema Propaganda in der digitalen Welt.

© Foto Hans-Jürgen Vollrath

Manipulation und Desinformation im Zusammenhang mit der Ukraine-Krise standen im Mittelpunkt eines Überblicks, den der Cyberexperte Volker Kozok vom Bundesministerium für Verteidigung (BMVg) anlässlich des 8. Bonner Dialogs für Cybersicherheit zum Thema »Wahrheit 4.0« gab. Dabei ging er mit beiden Seiten der Konfliktpartner hart ins Gericht. Die russische Seite habe mit gefälschten Informationen und alten Satellitenbildern vom Abschuss der zivilen Passagiermaschine MH 17 versucht, die Ukraine zu diskreditieren. Aber auch auf ukrainischer Seite habe es Initiativen gegeben, die gezielt Falschinformationen in sozialen Netzwerken verbreitet haben. Ein Problem, das in jedem Konflikt auftauche und mit dem nicht nur private Nutzer sozialer Medien konfrontiert  werden, sondern das auch Journalisten bei ihrer täglichen Recherche-Arbeit berücksichtigen müssen.

 

Journalisten verlieren ihre Gatekeeper-Funktion


Ingo Mannteufel, Russland-Experte bei der Deutschen Welle, warnte explizit davor, in diesem Zusammenhang den Begriff Propaganda zu verwenden. Er favorisiere vielmehr den Begriff der Desinformation. Nachrichten ließen sich heute nicht mehr unterdrücken, stattdessen komme es vielmehr zu einem »information overload«. Es werden so viele Informationen ungefiltert verbreitet, dass es den Menschen kaum möglich sei, die Wahrheit bzw. saubere Recherchen zu erkennen. Journalisten gerieten hier immer ins Hintertreffen, da sich ungefilterte Lügen schneller verbreiteten, während seriöse  Journalisten immer erst recherchieren und mit Sorgfaltspflicht den Wahrheitsgehalt  der Information nachprüfen müssten. Dadurch verlieren Journalisten wiederum ihre Funktion als »Gatekeeper«. Ihnen würde vielmehr noch die Funktionen eines Leuchtturms zukommen, der eine Orientierung liefern könne, beschrieb Mannteufel das Dilemma seiner Zunft. 

Den gravierenden Unterschied zwischen journalistischen Systemen in verschiedenen  Ländern hob Friederike von Franqué vom Institut für Demokratie, Medien und Kulturaustausch e.V. gleichzeitig hervor. Eine freiheitliche Presse sei nicht überall gegeben, oftmals handele es sich bei Veröffentlichungen durch die Medien eher um schwarze Bretter, die regierungstreu bekannt geben, über was und wie öffentlich geredet werden soll.

 

Medienkritik aus dem Publikum


Kritische Fragen aus dem Publikum richteten sich vor allem gegen den Umgang mit Google und Facebook sowie gegen die im Internet angewandten Algorithmen, die dafür sorgten, dass die Konsumenten nur noch die Informationen erhielten, die ihrem Weltbild entsprechen. An dieser Stelle wurde dann eine Lanze für die Qualität der deutschen Presse gebrochen, deren Qualität – die Kritik eingeschlossen – immer noch sehr hoch sei. Zudem kenne ein Großteil der Nutzer sozialer Medien das Phänomen der Filterblase, wie die gezielte Versorgung von Internetnutzern mit konkreten Inhalten genannt wird. Diese könnten daher auch das Präsentierte einordnen. Man müsse beim Umgang mit Wahrheiten auch auf den mündigen Bürger vertrauen. Mannteufel entgegnete auf die Frage, welchen Medien man überhaupt noch glauben könne, dass man nicht alles glauben solle, sondern auch selbst denken und reflektieren müsse.

 

Vertrauen muss zurückgewonnen werden


Allerdings wurde seitens der Zuhörer der Vorwurf laut, dass der Presse in Deutschland ebenfalls immer weniger vertraut werde. Friederike von Franqué entgegnete, dass dieses Vertrauen in der Tat bei vielen Menschen verloren gegangen und es umso schwerer sei, dieses Vertrauen wieder zurück zu gewinnen. Ganz so schwarz wollte es Volker Kozok allerdings nicht sehen und betonte noch einmal die insgesamt hohe Qualität des Journalismus in Deutschland, die von den Menschen auch als solche wahrgenommen werde. Außerdem sei es nur in offenen Gesellschaften möglich, Manipulationen jedweder Art zu erkennen, da sie nur dort entlarvt werden könnten.

Abschließend nahm Professor Michael Meier vom Fraunhofer FKIE noch einmal den Wunsch zahlreicher Diskussionsteilnehmer auf, sich selbst ein Lagebild in Echtzeit machen zu können, um sich umfassend zu informieren. Dies könne seitens der Medien nicht geleistet werden. Und eine absolute Neutralität sei an dieser Stelle auch nicht zu erwarten: Denn, so gab Professor Meier den Gästen mit auf den Weg: »Wer kommuniziert, der beeinflusst.«

 

Weitere Ansprechpartner

Prof. Dr. Michael Meier  |  michael.meier@fkie.fraunhofer.de | Fraunhofer-Institut für Kommunikation, Informationsverarbeitung und  Ergonomie FKIE, Wachtberg-Werthhoven | www.fkie.fraunhofer.de  |

Telefon: + 49 228/7354249 | Mobil: +49 170/9233839

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Das Fraunhofer-Institut für Kommunikation, Informationsverarbeitung und Ergonomie FKIE ist in seinem Kern auf die Unterstützung staatlicher Institutionen im Bereich der Äußeren und Inneren Sicherheit ausgerichtet. Herausragende Bedeutung hat die strategische Kooperation mit dem Verteidigungsministerium, dem Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik und der Bundespolizei. Im Bereich der Wirtschaft fokussiert FKIE auf Sicherheit an Flughäfen und im Luftverkehr, bei Maritimen Systemen und in der IT-Branche. Mit seinen etwa 430 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern an den Standorten Bonn und Wachtberg ist das FKIE ein führendes Institut für anwendungsorientierte Forschung und praxisnahe Innovation in der Informations- und Kommunikationstechnologie sowie im Bereich der menschengerechten Gestaltung von Technik.

 

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